Bei der Recherche für einen Kunden (Es gibt bald spannende Neuigkeiten, abonniert den Newsletter wenn ihr dran bleiben wollt) bin ich auf die Webseite einer jungen Reisenden gestoßen die so schön über Island und ihre dortige Farmarbeit geschrieben hat, dass ich mich natürlich sofort Kontakt aufgenommen habe um mehr zu erfahren. Im Rahmen dieses Interviews gewährt Silja uns einen kleinen Einblick in ihre Zeit in Island, wie ihr die Farmarbeit beim Work & Travel gefiel und welche Beziehung sie heute zu Island hat.

Film ab für Silja!

 

Wer bist du und was machst du?

Ich bin Silja, kratze langsam an der 30 und betreibe in meiner Freizeit den Reiseblog Fernwehge.com, dessen Schwerpunkt auf Nord- und Westeuropa liegt. Außerdem schreibe ich noch für Tónlist.de. Einer Seite, die sich mit isländischer Musik beschäftigt. Wir schreiben z.B. Album Reviews oder führen Interviews mit den verschiedensten Künstlern und Bands. Beruflich geht es bei mir nicht ganz so nordisch zu. Ich arbeite im Kostümbild für deutsche Fernsehproduktionen.

Was hat dich nach Island gebracht?

Ein Zufall? Ich bin schon immer ein großer Schweden-Fan gewesen und mag Nordeuropa generell sehr gerne. Jetzt hatte ich nach Flügen nach Irland geschaut, was zu dem Zeitpunkt recht teuer war. Aus Spaß habe ich dann mal geguckt, wie viel denn Flüge nach Island kosten. Als ich dabei feststellte, dass die Flüge nur 50€ teurer waren, dachte ich bei mir: „Da lohnt es sich eher, nach Island zu fliegen. Hmm, Island? Warum bin ich da nicht früher draufgekommen?“. Da ich aber schnell gemerkt habe, dass Island nicht gerade ein günstiges Vergnügen sein würde, kam mir die Idee, ich könne ja Work & Travel auf einem Bauernhof machen. So hätte ich einen einmaligen Einblick in das Leben vor Ort und könnte so Land und Leute intensiver kennenlernen, als nur als einfache Touristin, sowie nebenbei Geld verdienen und Reisen. Bevor ich nach Flügen gesucht hatte, war Island nie bewusst auf meinem Radar erschienen, sodass ich ehrlich gesagt noch nicht wirklich viel wusste, bevor ich hingeflogen bin. Ich hatte ein Buch eines Amerikaners gelesen, der einen Sommer auf einer isländischen Farm gewohnt hatte (auf Snaefellsnes) und seine Erzählungen (auch die Gefahren und Besonderheiten des Wetters und der Natur), waren die einzigen Infos, die ich vorher hatte. Mir war bewusst, dass Island landschaftlich und kulturell sicherlich in mein Beuteschema passen würde, aber ich kam ohne Erwartungen und wurde umgehauen. Kirkjufell? Nie gehört (außer im Reise Führer, den ich mir gekauft hatte)! Gullfoss? Ja, gelesen, dass er zum Golden Circle gehört. Das war eine gute Art das Land kennenzulernen. Ich habe es nach meinem eigenen Gutdünken erkundet und nicht einen Hotspot nach dem nächsten abgeklappert – weil ich sie schlicht und einfach gar nicht kannte. Bis ich aber dann wirklich nach Island geflogen bin, hat es noch 1 ½ Jahre gedauert.

Du hast in Island auf einer Farm gearbeitet: Wie war das und würdest du Farmarbeit nochmal machen?

Am Anfang dachte ich schon: Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Schließlich ist anfangs noch alles neu. Die Farmarbeiten an sich, das Land in dem ich vorher noch nie war, man muss die Leute erst noch kennenlernen. Handwerklich unbegabt bin ich nicht, schließlich ist das Nähhandwerk auch nicht zu unterschätzen, jedoch ist es eine völlig andere Disziplin und mit den Arbeiten auf einem Bauernhof so gar nicht zu vergleichen. Anfangs musste ich erst einmal lernen, wie man Kühe melkt, Kälbchen richtig füttert (Wie viel Milch, auf welcher Temperatur, ect.), welche Heugabel man bei welchem Heu am besten nimmt (3 oder 4 Zinken). All solche Sachen. Mein großes Highlight war natürlich der Schafabtrieb. Und da ich auch reiten kann, hatte ich sogar einmal das Glück bei einem Abtrieb zu Pferd dabei zu sein. Eine Wahnsinns Erfahrung!

Außerdem hat es mich sehr erstaunt, dass ich trotz der körperlichen Arbeit nur 1x überhaupt Muskelkater hatte. Da hätte ich mit mehr gerechnet. Generell habe ich den Arbeitstag als sehr angenehm empfunden. Los ging es um 7:45 bei den Kühen, danach war meistens ab 10 Uhr Kaffeepause und um 12 Uhr gab es Mittagessen. Danach wurden nochmal die Kälber gefüttert und allgemeine Farmarbeiten verrichtet. Später auch Kühe und Schafe gefüttert, als diese nicht mehr auf den Weiden waren. Um etwa 16 Uhr/ 16:30 war dann Kaffeezeit und um 18 Uhr, meist bis 20 Uhr, ging es nochmal zu den Kühen (melken und füttern). Dann gab es nur noch Abendessen und um 22 Uhr bin ich meistens schon ins Bett gegangen. Natürlich hat das sehr variiert. Während des Schafabtriebs hatten wir zwischen den Mahlzeiten keine längeren Pausen, sondern waren auf den Beinen.

Work & Travel - Farmarbeit in Island

Work & Travel – Farmarbeit in Island

Ob ich es wieder machen würde? Aktuell wäre das sehr schwierig, aber davon abgesehen hat mir die Farmarbeit extrem viel Spaß gemacht. Hätte ich gewusst, wie viel, dann wäre ich direkt 6 Monate geblieben. So musste ich nach 3 Monaten wieder zurück und der Abschied ist mir nicht leichtgefallen. Ich hatte sehr großes Glück mit meiner Gastfamilie und habe mich auf dem Hof direkt heimisch gefühlt.

Meinem Work & Travel in Island habe ich auf meinem Blog eine ganze Reihe gewidmet (wird noch fortgeführt). Wer also mehr erfahren möchte oder wen detailliertere Erzählungen zum Schafabtrieb interessieren, kann gerne mal auf Fernwehge.com vorbeischauen.

Wie ist es in Island auf dem Land zu leben und zu arbeiten, besonders als Reisende?

Mir hat es sehr gut gefallen. Diese Ruhe, diese Weite und Natur. Vor allem beim Schafabtrieb kam das zu tragen. Zeitweise bin ich dort minutenlang alleine querfeldein durch die Natur gelaufen und habe keinen meiner Mitstreiter gesehen. Nur vereinzelt ein paar Schafe vor mir, die ich aufgescheucht hatte. Und man hörte auch nichts. Nichts, außer dem Wind und vereinzelt blökende Schafe. Man kam sich vor, als sei man der letzte Mensch auf Erden. Das hatte etwas sehr Ursprüngliches.

Die raue Natur Islands, besonders auf einer Farm ganz nah dran

Die raue Natur Islands, besonders auf einer Farm ganz nah dran

Mir hat aber auch die Hilfsbereitschaft unter den Nachbarn gefallen. Brauchten wir Hilfe, kamen sie vorbei. Brauchten sie Hilfe bei der Ernte, hat mein Gastbruder und Chef auch bis nach 21 Uhr geholfen und musste danach noch die Kühe von uns melken. Um die Uhrzeit hätte ich nicht mehr helfen müssen, aber ich wollte. So standen wir dann um 21:30 im Stall und legten los. Am nächsten Tag haben wir dann erst einmal ausgeschlafen. Generell war es für mich aber auch recht entspannt. Ich musste meine täglichen Farmarbeiten verrichten, konnte in meinen Pausen die Zeit frei gestalten (Die Berge hinter dem Haus erklimmen und den Blick auf das Meer und den Snaefellsjökull genießen z.B.), ich wurde 4x am Tag beköstigt und habe so lauter traditionell isländische Gerichte kennengelernt. Besser ging’s nicht! Wie gesagt, hatte ich sehr großes Glück mit meiner Gastfamilie. Als mein Gastbruder im Wetterbericht z.B. sah, dass es in der kommenden Woche in ganz Island traumhaftes Wetter geben sollte, hat er mir die frei gegeben. Die Gelegenheit habe ich dann dafür genutzt, um mir den Norden anzuschauen.

Lieblings…

…Saison um Island zu erkunden?

September bis November. Gut, das liegt daran, dass ich bisher immer nur im Herbst in Island war. Als ich auf dem Bauernhof war, habe ich schön den Übergang von Spätsommer zu Herbst und Winter mitbekommen, was ich sehr toll fand. Diese Farben! Außerdem hat man in der Zeit die Chance Nordlichter zu sehen, sowie den Sternenhimmel. Ohne Lichtverschmutzung ist das wirklich beeindruckend.

…Region in Island?

Snaefellsnes – natürlich! Dort habe ich gewohnt und da fühle ich mich heimisch, habe meine Lieblingsberge und es ist schön kompakt. Viele nennen es ja „Island in klein!“. Lustig auch: Es gibt ja dieses klassische Foto: Kirkjufell im Hintergrund und der Wasserfall im Vordergrund. Als ich das erste Mal am Kirkjufell vorbei kam, habe ich nur Fotos vom Berg gemacht und kurz überlegt, ob ich auch noch zum Wasserfall rüber soll. Habe es dann aber gelassen, weil ich dachte: „Ich habe in den letzten Wochen so viele Wasserfälle in Island gesehen und überquert, den brauche ich jetzt nicht auch noch näher ansehen.“.

Kirkjufell auf Snæfellsnes, einer von Islands schönsten Wasserfällen

Kirkjufell auf Snæfellsnes, einer von Islands schönsten Wasserfällen

…Bar in Island?

Theoretisch kann ich da keinen Tipp geben, weil ich selbst keinen Alkohol trinke und ich somit diesen Punkt nicht beurteilen kann. Allerdings war ich mal in Reykjavik in der Slippbarinn im alten Hafen von Reykjavik. Es spielte eine Jazz Band, die Atmosphäre war gut und es war ein toller Tagesausklang. Hat mir sehr gut gefallen.

…Ort für einen guten Kaffee?

Ja, ich muss gestehen: Kaffee trinke ich auch nicht. Und das in Island! Ich hatte Glück, dass mein Gastvater Teetrinker war, sodass ich meine tägliche Dosis trotzdem bekommen konnte. So kam es also, dass ich in Akureyri von einem Passanten-Stopper gestoppt wurde, weil dort Illustrationen von Kaffee Kreationen abgebildet waren. Ich war schon traurig, dass ich keinen Kaffee mag, weil es Lakritz-Cappuccino gab, bis ich an den Worten „Matcha Latte“ hängen blieb. Besagter Laden war Te & Kaffi und da ich in Köln immer noch keinen guten Matcha Latte gefunden habe, freu ich mich jedes Mal auf den sündhaft teuren bei Te & Kaffi.

Wie siehst du den Tourismus in Island?

Etwas schwierig. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich 2013 gerade so noch das noch halbwegs ruhige Island kennengelernt habe. Wobei es da auch schon hieß, dass in dem Jahr ein neuer Tourismus Rekord mit 900000 Besuchern erreicht würde. Als ich nach meiner Farmarbeit auf dem Hof nach Reykjavik kam, war ich schon irritiert, dass ich mehr Englisch gehört habe, als Isländisch. Als ich letztes Jahr im November dort war, war es noch extremer und ich bezweifle, dass es nur am Airwaves Festival lag. Da ich auch Isländisch lerne, fand ich es extrem schade, mehr American Englisch zuhören, als die Landessprache. Und von den Preisen bei Übernachtungen und von AirBNB in Island, fange ich besser gar nicht erst an. Interessant war auch zu sehen, dass Parkplätze, wo 2013 vielleicht 4 Autos standen (Reynisfjara), 2015 komplett voll waren. Oder die Straße zum Sólheimajökull plötzlich geteert war und ich meiner Begleitung noch davon erzählt hatte, was das für eine Buckelpiste ist.

Reynisfjara - Der schwarze Strand von Island

Reynisfjara – Der schwarze Strand von Island

Welche Aufgaben kommen in den nächsten 3-5 Jahren auf das Land zu?

Es ist wichtig genau das zu schützen, weswegen Island so beliebt ist: Die (unberührte) Natur! Außerdem wäre es sinnvoll eine Lösung für die Wohnsituation in Reykjavik zu finden. Es kann ja nicht sein, dass sich Leute goldene Nasen mit Air bnb Unterkünften verdienen und die Städter keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden. Oder aber auch alteingesessene Läden aus der Innenstadt verschwinden, weil die Mieten so hoch werden, nur damit kurz drauf das Xte Hotel eröffnet. So verlieren Städte ihren Reiz. Und wenn der Boom mal vorbeigehen sollte, dann stehen sie da.

Sparfuchs: Dein Tipp um im Island-Urlaub Geld zu sparen!

Nicht alleine reisen, wie ich das so oft mache? Unterkünfte und Mietwagen sind in Island eh schon teuer genug. Aber sonst mag ich es, mir Unterkünfte zu suchen, wo ich selber kochen kann. Da kann man natürlich schon sparen. Außerdem gibt es so ein paar typisch isländische Lebensmittel, auf die ich in Island nicht verzichten möchte, die ich so sicher in keinem Hotel bekäme. In Restaurants, oder generell, Leitungswasser trinken. Was soll ich mir `ne Cola kaufen, wenn ich isländisches Wasser trinken kann? (Gut, für Appelsín mache ich eine Ausnahme.) Mehr Tipps habe ich leider nicht. Ich versuche immer noch nach jeder Reise, nicht bei meiner Abrechnung anzufangen zu weinen ;D

Yay oder nay…

…Walfleisch: NAY!

…Pferdefleisch: Yay!

(Bisher in Island nur auf „meinem“ Hof gegessen. Wahnsinn, was das Fleisch für einen würzigen Geschmack hatte.)

…Gammelhai/-Rochen: NAY!

Übrigens, wenn ihr auf einem Hof etwas als Dessert bekommt, was wie Vanillepudding aussieht, aber mit Zimtzucker gereicht wird, nehmt euch erstmal eine kleine Portion. Oder eben direkt viel, viel Zimtzucker. Oder lasst es am besten ganz bleiben. Natürlich war es kein Vanillepudding, sondern Pudding aus Kälbchenmilch. Der hatte einen Geschmack, der mich an Milch, Ei, Fisch und irgendwie auch an vergorenes Obst erinnert hat. Ich habe mir dann ganz beiläufig noch Zimtzucker nachgenommen und es mit Todesverachtung gegessen.

…wildcampen: Für mich nicht, aber generell: Yay!

…camper vans:

Habe ich bisher noch nicht ausprobiert, aber schon in Erwägung gezogen, also auch yay.

Was ist in Island anders, als in jedem anderen Land der Welt?

Für mich ist Island das Land der „ersten Male“. Dort habe ich so viele neue Sachen erlebt und das in so kurzer Zeit, so habe ich das noch in keinem anderen Land erlebt. Erstes Mal Nordlichter, Wale gesehen, auf einem Gletscher gestanden, den richtigen Sternenhimmel gesehen. Alles Sachen, die ich auch woanders hätte erleben können, das ist klar. Aber auch die Freundlichkeit der Isländer selbst, die Natur, diese Weite, die Ruhe auf dem Land und die Hilfsbereitschaft. Die Kombination macht’s besonders.

Nordlichter in Island

Nordlichter in Island

 

Vielen Dank für das Interview, in der Hoffnung bald noch mehr von dir zu lesen / hören! 🙂