Eingebettet in den Bergen des Reykjanesfólkvangur Naturschutzgebiets südlich von Reykjavik findet sich der Kleifarvatn. Dieser natürlich entstandene See ist abgelegen und weitab der Zivilisation. Die Gegend ist ruhig und verlassen. Der See ist es nicht – zumindest nicht ruhig.

Wenn man die buckelige Asphaltstraße verlässt und auf der Schotterpiste die erste Kurve hinter sich lässt, liegt der See vor einem. Groß, grau, starr. Wie ein Farbfleck im Gipfel des Berges. Man erkennt keine Regung, nichts deutet darauf hin, dass sich hier etwas bewegen könnte. Doch unter der grauen Wasseroberfläche ist der Ort lebendig, aufgeregt.

Manchmal kommt es vor, dass der Wasserspiegel vom einen auf den anderen Tag um vier oder fünf Meter abnimmt, die Wasserfläche sich um mehr als 20% verringert. Wohin das Wasser verschwindet weiß niemand genau, der See ist mehrere tausend Quadratmeter groß und an einigen Stellen knapp 100m tief. Er liegt in vulkanischem Gebiet – Krýsuvík – in einer Bruchzone. Hier zerreißt es die Welt, die tektonischen Platten driften auseinander und setzen frei was sonst unter der Oberfläche verborgen ist.

Tauchen & Schnorcheln im geothermalen See Kleifarvatn in Island

Tauchen & Schnorcheln im geothermalen See Kleifarvatn in Island

Über dem See liegt ein grauer Schleier, es dampft ein wenig. Das könnte auch am Temperaturunterschied liegen, das Wetter ist seltsam heute. Als es anfängt zu regnen verschwindet der Schleier nicht. Die Dampfwolken schweben neben dem See, am Strand neben den Hügeln.

Wir fahren am Ufer entlang und halten im pechschwarzen Sand als große Findlinge uns den Weg versperren. Hier wird kurz und knapp der Tauchgang besprochen: Rein, tauchen, raus. Wir wissen ja wie das geht. Wir sollen einer roten Leine folgen, wenn wir sie finden, bis wir an die Heißwasserquellen kommen.

Es regnet. Das ist beim Start in einen Tauchgang nicht so tragisch. Wir ziehen uns zügig im Auto um, schna llen die schweren Zylinder an die Tauchwesten und werfen sie über die Schultern. Flossen und Masken werden erst im Wasser angezogen, bis dahin sind es ein paar Minuten zu Fuß am Strand entlang in den anfangs flachen See. Als es tief genug wird, schnallen wir die Flossen um setzen die Masken auf und tauchen ab.

Tauchen & Schnorcheln im geothermalen See Kleifarvatn in Island

Tauchen & Schnorcheln im geothermalen See Kleifarvatn in Island

Stille. So ist das immer zu beginn eines Tauchganges. Es ist nicht besonders tief, manchmal spürt man die kühle Luft am Rücken, zumindest denkt man das. Wir schwimmen langsam zur Mitte des Sees und ebenso langsam entfernt sich der Boden von uns. Die rote Leine haben wir gefunden und folgen ihr.

Plötzlich fällt der Boden in einem Steilhang ab. Hier ist es auf einmal mehr als 10m tief und man kann den Boden kurz nicht mehr erkennen. Wir tauchen ab, Druck auf den Ohren, durchatmen, tiefer. Man hat das Gefühl den Schwefel riechen zu können, wie draußen, wo die heißen Quellen den Gestank fauler Eier in die Luft entlassen.

Einzelne Blasen steigen an einer kleinen Öffnung aus dem Boden. Ich bewege mich langsam dorthin, wo ich einen Krebs oder einen Fisch vermute. Die Luft kommt aber direkt aus einem Stein. Hier lebt nichts, hier atmet nur die Erde.

Wir tauchen etwas tiefer ab und schauen uns die Umgebung an. Vereinzelt finden sich tote Fische. Vollkommen intakt, nicht angefressen und auch nicht in Müll verheddert. Einfach nur leblos. Ein paar kleinere Exemplare schwimmen um einen herum, hektisch und nicht in Kreisen, sondern geradeaus, weg.

Wir erreichen eine kleine Anhöhe. Luft zischt in den Taucheranzug und wir steigen langsam auf. Hinter dem Hügel tanzt der Sand, steigen Milliarden kleiner Luftblasen aus dem Boden auf. Ein Whirlpool in der Größenordnung eines Einfamilienhauses, ein Sektglas so groß wie eine Lagerhalle. Die ersten Blasen fangen wir mit den großen Handschuhen auf, sammeln sie in der Handfläche und lassen sie als große Blasen wieder frei. Überall haben sich kleine Maulwurfshügel gebildet aus denen die Luftblasen hervorsteigen. Der Sand purzelt mit jeder neuen Blubberblase ein bisschen hinab.

Tauchen & Schnorcheln im geothermalen See Kleifarvatn in Island

Tauchen & Schnorcheln im geothermalen See Kleifarvatn in Island

Ab hier ist der Tauchgang ein einziges hin und herschauen. Der Versuch sich zu orientieren, das Spiel mit den Blubberblasen und der Kamera. Hier sind keine Fische mehr, zumindest keine die schwimmen. Hier sind keine Krebse, keine Pflanzen. Hier ist kein Leben, aber lebendig ist es. Der See atmet hier, die Erde brodelt unter uns.

Nach einer kurzen, aufgeregten Zeit verschwinden die Luftblasen langsam, als wir weiter tauchen zu den Grabenbrüchen. Hier tun sich große Löcher im Boden auf, an deren Felswänden entlang man zu den tiefsten Stellen des Sees tauchen könnte. Ich stelle mir vor, wie sich am Ende dieser Höhlen ein Höllenschlund auftut, denn dort müssen unmittelbar die vulkanischen Aktivitäten vor sich gehen, welche zu dem Naturschauspiel nebenan führen.

Irgendwann finden wir wieder zur roten Leine, schwimmen langsam an ihr entlang und steigen irgendwann aus dem kühlen Nass. Am Ufer befindet sich schon eine weitere Tauchgruppe, heute ist hier viel los. Es regnet ziemlich stark und so ziehen wir uns zügig unter der Heckklappe des Lieferwagens um.

Nach dem Tauchgang im Vulkansee schauen wir uns noch eines der bekanntesten Hochtemperaturgebiete in Island bei Krýsuvík an. Auf diesem aktiven Vulkan finden sich heiße Quellen, Schlammtöpfe und Fumarolen. Hier brodelt es überall, es dampft und blubbert.

Von hier aus fährt Reynar von der isländischen Tauchschule uns direkt zur blauen Lagune, wo wir den Tag auch weiterhin im Wasser ausklingen lassen. Nur ohne Taucherausrüstung.

In Kooperation mit Dive.IS.

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